K12 KÜNSTLER - Text von Sarah Kolb zur Ausstellung Franz Türtscher "Komplementär"
K~O~N~T~E~X~T~U~R~A~S~T~E~R
Zur Orientierung in Netz-Werken und Schrift-Bildern

Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.
Michel Foucault

Zwei Eigenschaften oder Gegenstände verhalten sich zueinander KOMPLEMENTÄR, wenn sie sich gegenseitig zu größerer Vollständigkeit oder stärkerer Wirksamkeit ergänzen. Horizontale und vertikale Balken, offene und geschlossene Felder, das Flächige und das Perspektivische, die diversen Farbkomponenten, Elemente in Bild und Wort, deren Konsumierbarkeit und eine Form von Irritation verhalten sich im (simultanen!) Neben- und Miteinander komplementär zueinander. Das Einzelne - eine Linie, ein Ton, … - ist seiner Wirkung nach ebenso autonom, wie es je nach Kontext in Wechselwirkung mit anderem steht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, und namentlich im Sinne der Erzeugung eines solchen "Mehrwerts" stellt das Komplementäre ein gestalterisches Grundprinzip dar. Eine Fülle von Einzeleindrücken hinterlässt in unseren Augen einen qualitativ eigenständigen Gesamteindruck: Diese in Auflösung begriffenen Raster, diese Fahndungen, Gitterwerke oder Filter, diese übereinander gelagerten Fadenkreuze oder Koordinatensysteme, diese Texturen, Gewebe oder Muster bilden - hinsichtlich der Wiederholbarkeit und Variierbarkeit ihrer einzelnen Komponenten - ein System von Möglichkeitsformen, die Idee eines Assoziativgeflechts.

Was passiert, wenn wir unseren Assoziationen freien Lauf lassen? Wir gehen von einer Vorstellung aus und knüpfen mit anderen an. Ein Eindruck, ein Gedanke ruft den nächsten hervor. Wir könnten an das Eine ODER an das Andere denken. Wir könnten die verschiedenen Anschauungsformen, Buchstaben, Worte nach Belieben kombinieren, vertauschen. Vielleicht kämen wir mitunter ins Zweifeln darüber, inwiefern unsere Assoziationen mit unseren Vorstellungen in Einklang zu bringen wären. Wie die Balken in den Bildern könnten sich unversehens unsere Arme verschränken - angesichts der Frage nach einem möglichen Sinnhorizont, nach einer potentiellen Wendung. Darin gleicht das Komplementäre einem Paradoxon: Es besteht in einer Verdichtung und beruht auf einem Kippbild-Effekt. In der Regel müssen wir uns in der Wahrnehmung wie im Denken Moment für Moment entscheiden: Konzentrieren wir uns auf dieses oder jenes? Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Kontinuitäten oder Brüche, auf unseren Intellekt oder unsere Intuition? Erscheinen uns Rhythmen oder Klänge vordergründig? Versteifen wir uns auf einen konkreten Anspruch? Wollen wir unseren Blick stillstehen oder schweifen, an der Oberfläche verharren oder in die Tiefe einer Bildräumlichkeit springen lassen? Wollen wir zu einem Schluss kommen? Worauf wollen wir hinaus, welcherlei Gedankengänge stehen uns offen?

Wir könnten diese Muster oder Raster ebenso wie uns selbst - den Rezipienten im Kontext der Ausstellung - als Figur und Rahmen in einem betrachten. Sie könnten etwas Eigenständiges verkörpern oder mit austauschbaren Inhalten besetzbare Felder darstellen. Sie könnten einen Einblick gewähren oder eine Auswahl treffen wollen. Diese Texturen wirken teils verhalten und still, teils so schreiend und schrill, als wollten sie eine Werbebotschaft verkünden. Wie wir sie lesen könnten? Als ein Stimulans, als eine Herausforderung zu größtmöglicher Präsenz. Wie das Ausgangsmaterial einer Reizwortgeschichte. Oder? Wie einen förmlich schwebenden Teppich aus Assoziationen, der sich an allen Ecken und Enden zerfranst.

Text: Sarah Kolb, geboren 1976 in Dornbirn, 1995-2002 Studium der Philosophie, Physik, Kunstgeschichte u. a., lebt und arbeitet in Wien


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